Rassistische Gewalt made in Brandenburg

Über 20 Jahre ist es her, als der Landkreis Barnim überregional in die Schlagzeilen geriet – Nazis ermordeten Amadeu Antonio Kiowa 1990 in Eberswalde. Unzählige Übergriffe und Brandanschläge auf Flüchtlinge und deren Wohnheime, jüdische Menschen, Linke, und vermeintlich „Nicht-Deutsche“ sowie mindestens ein weiterer Nazi-Mord an dem linken Jugendlichen Falko Lüdtke in Eberswalde, folgten. Auch wenn die „dunklen 90er“ vorbei sind, nehmen Aktivitäten von Neonazis im Landkreis nicht ab.

…So heißt es im Vorwort der „Barnimer Antifa Recherche“, die im letzten Herbst erschien.

Seit knapp vier Monaten prägt die rassistisch motivierte Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (kurz: NSU) und die Aufklärung der Taten nicht nur Presselandschaft und parlamentarische Gremien, sondern auch die bundesdeutsche Antifaszene. Die Morde sind, anderes als in vielen Medien dargestellt, dabei keine Einzelfälle von ein paar Verrückten, sondern grausame Realität. Die Broschüre „Barnimer Antifa Recherche“ dokumentiert mit Hilfe einer Chronik und Begleittexten die Entwicklung von rassistischer und neonazitischer Gewalt im Landkreis Barnim.  Wir werden in den folgenden Wochen einige Texte der Broschüre vorstellen. Der Erste soll nun der Beitrag unter dem Titel  „Die dunklen 90er“ sein, der die Brutalität des rassistischen Alltags im Nordosten Brandenburgs aufzeigt. Hier könnt ihr den gesamten Text nachlesen:

Die dunklen 90er JahreDie Entwicklung neonazistischer Gewalt 1990-2001

Neonazistische Gewalt, dass bedeutet im Landkreis Barnim, das Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen, verbale Übergriffe, schwere Körperverletzung, versuchter Mord, Mord und weitere Straftaten, begangen von rechten Skinheads, Neonazis, Faschist_innen und Rassist_innen.

Die traurigen Höhepunkte der Gewalt stellen die Morde an Amadeu Antonio Kiowa und Falko Lüdtke in Eberswalde dar. Beide wurde wegen rassistischen und neonazistischen Motiven umgebracht.  Zu diesen beiden Opfern gesellen sich unzählige Körperverletzungen und andere Angriffe auf Antifaschist_innen, Menschen mit sogenanntem „fremdländischem Aussehen“ und Objekte (z.B. Döner-Läden, Gedenktafeln usw.) die nicht ins Weltbild der Neonazis passen.

Am 24./25. November 1990 wurden der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa und zwei weitere Menschen von einer Gruppe von 50-60 Neonazis durch die
Stadt gejagt. Amadeu Antonio starb in Folge seiner schweren Verletzungen. Er war eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Eine Anklage wegen fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge durch unterlassener Hilfeleistung im Amt gegen drei Polizisten welche die Tat beobachteten und nicht eingeschritten sind, wurde vom zuständigem Gericht abgelehnt.

Über Pfingsten 1992 versetzen ca. 300 Neonazis auf einem bundesweitem Treffen den Campingplatz am Üdersee bei Eberswalde in Angst und Schrecken. Nicht nur das sie den Campingplatz Betreiber um Freibier erpressten, sie randalierten auch abends in der Stadt und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Diese umstellte den Campingplatz, doch aus Angst vor den Neonazis, stellt der Betreiber keine Anzeige. Es wurden lediglich 22 Personalien in der Stadt festgestellt. Interessant ist:
Vor mehr als 65 Jahren befand sich auf diesem Gelände noch ein Lager der Hitlerjugend.

Bei einer Demo von rund 150 Nazis in Eberswalde kam es am 26. August 1992 zu Ausschreitungen. Zeitweilig waren 4 Hundertschaften nötig um das Flüchtlingsheim vor den Neonazis zu schützen. Die Flüchtlinge wurden vorsorglich evakuiert. Es solle schließlich „kein zweites Rostock geben“. Zeitgleich sind auch Polizist_innen damit beschäftigt, Neonazis ans eindringen ins Rathaus zu hindern, in welchem live eine Fernseh-Diskussionsrunde über neonazistische Gewalt stattfand. Neben 32 vorläufigen Festnahmen, wurden ca. 100 Eisenstangen, Rauchbomben, Gas- und Schreckschusspistolen sichergestellt. Erst spät abends zerstreut sich die Menge schließlich. Nur einen Tag zuvor gingen die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen zu Ende, welche die massivsten neonazistischen Ausschreitungen der Nachkriegsgeschichte darstellten.

Das Neonazis vor Mord nicht zurück schrecken, bewiesen sie ein weiteres mal im September 1993.  Sie ermordeten Holger T. in Werneuchen, verbrannten seine Leiche und schütteten die Asche in einen Kanal. Holger T. wurde nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt und taucht somit nicht in offiziellen Statistiken auf.

Von Anfang 1993 bis 1994 vertrieben sich einige Bernauer Polizist_innen die Zeit damit, vietnamesische Zigarettenhändler_innen zu verhaften und schwer zu misshandeln. So wurden mehr als 20 Fälle bekannt, in denen Menschen mit Gummiknüppeln drangsaliert, ihnen Plastiktüten über die Köpfe gezogen wurden und man Zigaretten auf ihrer Haut ausdrückte.  Besonders hervor tat sich hierbei Polizeiwachtmeister Joachim Grunz, genannt „der Glatrasierte“. 1998 kam es erneut zu Übergriffen.

Am 8. Oktober 1994 kam es zu brutalen Übergriffen in der S-Bahn nach Bernau auf vermeintliche Antifaschist_innen („Zecken“) und Menschen mit Migrationshintergrund („Fidschies“). Insgesamt waren an dem Übergriff ca. 35 Nazis beteiligt. Acht von ihnen wurden wegen 13-facher gefährlicher Körperverletzung, Raub, Sachbeschädigung und Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen angeklagt. Im Oktober 1997 wurde dann in Eberswalde ein 35 jährigem Angolaner von rechten Skinhead angegriffen. Nachdem sie ihn mit Gummiknüppeln verprügelten, hetzen sie ihm zwei Pitbulls auf. Die Täter_innen entkamen unerkannt. Nur drei Wochen später zwangen zwei rechte Jugendliche (15-17) einen 42 jährigen Russen unter vorgehaltener Waffe in die Wohnung eines Freundes. Dort grölten sie mehrfach „Sieg Heil“, misshandelten ihr Opfer mit Stahlkappen und schossen ihm zuletzt mit einer Gaspistole direkt ins Gesicht. Ihr Opfer überlebte schwer verletzt. Wieder nur kurze Zeit später, am 11. Dezember, wurde ein junger Türke in Eberswalde von fünf Neonazis niedergeschlagen und misshandelt, bis die Täter_innen glaubten, ihr Opfer ermordet zu haben. Die Täter_innen waren alle zwischen 17 und 20 Jahre alt und wurden zu Haftstrafen zwischen 4-12 Monate verurteilt.

Eine zweites Beispiel für gefährliche Gruppen von Neonazis ist eine 1998 enttarnte, rund 100 köpfige, überregionale und militante Bande, der unter anderem Kay Nando Böcker angehörte, welcher 1993 als ein Haupttäter beim Mord an Amadeo Antonio Kiowa verurteilt wurde. Bei anschließenden Hausdurchsuchungen wurden sowohl Maschinengewehre, als auch Granaten und viele weitere Waffen gefunden. Wie sich heraus stellte, übte die Gruppe den Umgang mit ihren Waffen in den Wäldern von Barnim und Frankfurt (Oder). Dass auch Polizist_innen nicht sicher vor Nazis sind, bekam im Juli 1999 der Polizeiobermeister von Bernau zu spüren. Als er in zivil drei Neonazis (17; 17; 19) im Park aufforderte ihre verfassungsfeindliche Musik abzustellen, folgten diese ihm bis zu dessen Haus und prügelten ihn direkt vor seiner Tür krankenhausreif.

Im Jahr 2000 kam es zu einem weiteren Todesopfer im Landkreis Barnim. Der junge Punk Falko Lüdtke wurde von einem Neonazi bei einer Prügelei in Eberswalde vor ein Taxi gestoßen und verstarb wenige Stunden später im Krankenhaus. Der Rest des Jahres 2000 ist gekennzeichnet durch mehrere Brandanschläge auf Imbisswägen und ein Restaurant von vermeintlichen „Undeutschen“. Dabei wurde nur durch Glück niemand verletzt. Eingeleitet wurde die Serie von Brandanschlägen im Jahr 2000 durch das Anzünden der Räume des afrikanischen Kulturvereins in Eberswalde im März. Die Räume brannten völlig aus.

2001 lockten die fünf bekannten Neonazis Christian B. (23), Jarno H. (21), Marcel R. (18), Mario Sch. (21), Marco S. (29) den vermeintlichen „Verräter“ Tilo R. in eine  Wohnung und misshandelten ihn schwer. Als ihnen zum einen bewusst wurde, dass der Mensch wohl „unschuldig“ war, sie nun aber gerade bei der Polizei verpfiffen und identifiziert werden könnten, brachten sie Tilo R. an die Stadtgrenze von Bernau, zwangen ihn sich auszuziehen, übergossen ihn mit Benzin und zündeten ihn an. Er konnte zur nahe gelegenen Tankstelle flüchten und zwei Täter identifizieren. Anschließend fiel er ins Koma, überlebte jedoch. Zwei Haupttäter wurden zu 15- bzw. 14 Jahren Haft verurteilt. Die restlichen drei erhielten Haftstrafen zwischen 10 bzw. 7 Jahre und 8 Monaten.