What are words worth?

Der Knick in der Optik
Wie Sprache zum Erhalt der Geschlechterverhältnisse beiträgt und was du dagegen tun kannst

„Die Forscher fanden die neue Substanz eher zufällig.” Dies ist ein x-beliebiger Satz aus einer
x-beliebigen Zeitung. Und nun mal ehrlich: Welches „Bild“ der „Forscher“ hat sich da gerade
in deinem Kopf entwickelt? Siehst du vor deinem geistigen Auge auch die Männer in den weißen
Kitteln, wie es bei der überwältigenden Mehrheit deiner Mitmenschen geschieht? Leider ist es im deutschsprachigen Raum gängig, die maskuline Form auch dann zu nutzen, wenn über nicht rein männliche Personengruppen referiert wird. Sprachwissenschaftlich wird dies als „generisches Maskulinum“ bezeichnet. Zu den „Forschern“ aus dem oberen Zitat zählten aber auch Frauen, darunter die Leiterin des Projektes.

Sprache schafft Bewusstsein

Obiges Beispiel soll Folgendes zeigen: Unsere Sprache wird nicht nur durch unser Bewusstsein hervorgebracht, sondern viel mehr formt sich unser Bewusstsein auch durch Sprache. Und so ist die patriarchale Struktur der deutschen Sprache nicht nur Resultat einer männlich dominierten Gesellschaft, sondern trägt auch dazu bei, diese aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass Sprache einer der ersten und wichtigsten Sozialisationsfaktoren ist. In ihr kommen sämtliche gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen zum Ausdruck und werden somit
verinnerlicht. So wie es eben nur das gesellschaftliche Konzept der Zweigeschlechtigkeit gibt,
gibt es auch nur die Worte „Mann“ und „Frau“ – und umgedreht. Genauso langsam, wie sich die Vorstellung der klar differenzierten Geschlechter aufweicht, tauchen neue Worte in unserer Sprache – wie queer, transgender, transsexuell – auf. Um den Geschlechtern eine gleichberechtigte Stellung in der Gesellschaft zu verschaffen und in letzter Konsequenz die Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit aufzulösen, muss diese auch in der Sprache realisiert werden! Diskriminierende und unterdrückende Elemente sollten abgeschafft werden.

Den Knick aus der Optik

Aber bis heute findet sich das generische Maskulinum in nahezu allen Presseerzeugnissen, im Funk und Fernsehen, sowie in der Literatur. Dabei ist es gar nicht so schwer, die Dominanz des Männlichen in der Sprache aufzulösen. Schon die Artikel in dieser Zeitung zeigen, dass die schriftsprachliche Umsetzung einfach ist: Möglich sind Doppelnennungen, wie „die Forscherinnen und Forscher…“. Jedoch erscheinen Lösungen, welche die verschiedenen Endungen in einem Wort realisieren (die Forscher_innen) konsequenter. Denn diese Schreibweise negiert die Vorstellung davon, dass es nur Männer oder Frauen gäbe. Durch den Unterstrich können sich auch die Menschen angesprochen fühlen, welche eine Einordnung von Personen in „männlich“ oder „weiblich“ ablehnen. Im Gesprochenen fällt die Realisierung etwas schwerer aus. Ist es im Schriftlichen bei z.B. „Freund_innen“ klar erkennbar, dass nicht nur weibliche Personen gemeint sind, so ergibt sich gesprochen eben nur „Freundinnen“. Möglich wäre es, eine bewusste Pause zu lassen („Freund—innen“) oder auch die Doppelnennung. Anderseits könnte man auch einfach „Freundinnen“ sagen. Dies sorgt sicher bei einigen Zuhörer_innen für Verwirrung. Das ist auch gewollt, denn so wird endlich mal die Frau als Handelnde in den Vordergrund gerückt! Schließlich wundert sich ja auch niemensch, wenn irgendwer die maskuline Form benutzt. Irgendwer
muss ja anfangen, mit den Traditionen zu brechen!

Bewusstsein schafft Sprache

Widerstand gegen gendergerechte Sprache kommt von allen Seiten, doch die Argumente halten einer näheren Überprüfung nicht stand. Das häufigstes Argument, Frauen seien bei der maskulinen Bezeichnung mit eingeschlossen, ist durch Studien widerlegt. Weiterhin behaupten viele Menschen, dass Texte dadurch unverständlich und unnötig lang würden. Doch bloß, weil es vielleicht ungewohnt scheint, muss es ja nicht unverständlich sein. Es ist doch nur eine Frage der Umsetzung und der Gewohnheit. Und von wegen Länge: dieser Artikel wäre ohne gendergerechte Sprache vielleicht eine halbe Zeile kürzer… Ebenfalls beliebtes Argument ist der Verweis auf die „historisch gewachsene“ Sprache. Darauf kann mensch erwidern, dass die Sprache eben in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden ist und somit deren Merkmale aufweist. Und außerdem zeigt dies auch nur: Sprache wandelt eben, Sprache ist nichts Festes sondern erfährt immer wieder irgendwelche Veränderungen. Warum sollte sie mensch sie also nicht so nutzen, dass sie gendergerechter und herrschaftsfreier wird?