Schule? System? – Schulsystem!

Ein Text der Antifaschistischen Aktion Bernau

Wann immer Schule kritisch betrachtet wird, muss auch das gesellschaftliche Umfeld bzw. die Gesellschaft einer kritischen Reflektion unterzogen werden, denn Schule und Gesellschaft agieren nicht voneinander unabhängig. Vielmehr sind sie sehr eng miteinander verbunden, aus dem einfachen Grund heraus, dass sich in der Schule nicht nur bestehende Verhältnisse widerspiegeln, sondern diese dort auch unter Zwang vermittelt werden. Insofern wäre jegliche andere Betrachtung ohne Zusammenhang und letztendlich verkürzt. Daher ist Kritik am Bildungswesen auch immer Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Umständen und Verhältnissen.

Nun ist eine gute „Bildungspolitik“ mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen und neoliberaler Politik unvereinbar. Anstatt der erwarteten Verbesserung des Bildungssystems nach dem Desaster des PISA- Tests, gibt es auch weiterhin nur Verschlechterungen. Die allgemeine Bildungsungleichheit wächst, das ist belegt, integrative Angebote werden eliminiert, Klassengrößen erhöht, Schulen geschlossen und Berufsschulen teilweise privatisiert. Im gleichen Atemzug rollt eine riesige Welle von Gebühren an. Angefangen bei Kita- Gebühren, Gebühren für Vorschulen, dem Essensgeld über Gebühren für Schulbücher und letztendlich Studiengebühren. So wird Bildung mehr und mehr zur Ware, die für viele finanzielle Probleme mit sich bringt. Stattdessen sollte Schule keine „Paukanstalt“ sein, sondern vielmehr sollte ein Ort der individuellen Förderung, an dem jedeR in seiner/ihrer eigenen Entwicklung unterstützt wird. Außerdem sollte es nicht darum gehen, Wissen eingehämmert zu bekommen, sondern vielmehr darum, das „Lernen“ zu lernen, selbstständig zu denken und Spaß daran zu haben.

Noten als Druckmittel
Jeder und Jede einzelne Schüler_ in ist mit diesem Problem in der Schule konfrontiert: Noten! Sobald sich mensch nicht im „Normalrahmen“ bewegt, fängt der Stress an: Druck von allen Seiten ist die Konsequenz. Da wären zum einen die Eltern, die Klasse, in der sich in der Regel ein Konkurrenzkampf oder sogar Mobbing breit macht und nicht zuletzt auch von Seiten der Lehrer_ innen, die das Ganze mit spitzen Bemerkungen auf die Spitze treiben. Dabei verfehlen Noten schon seit langem ihren ursprünglichen Zweck, nämlich ansatzweise eine Vergleichbarkeit herzustellen. Grundsätzlich dienen die Benotung bzw. die Noten nur noch als Druckmittel und Instrument zur Selektion. Obwohl Deutschlands Bildungssystem in der PISA- Studie, zu einem der schlechtesten und selektivsten der Welt deklariert wird, werden von demselben tagtäglich mittels Noten junge Menschen zu gesellschaftlichen „Gewinnern“ und „Verlierern“ abgestempelt. Schon immer galt als Grundannahme, dass nur diejenigen, die bereit wären, entsprechende Leistungen zu bringen, es am Ende zu was bringen würden. Der springende Punkt an der Sache ist aber, sich im Endeffekt die Frage zu stellen, wie Menschen dazu kommen, gelerntes Wissen, welches in den
Bereich der Qualität fällt, in Zahlen, also mit Quantität, zum Ausdruck bringen zu wollen? Nun kann dieser Widerspruch sehr gut am Beispiel eines Test bzw. einer Klassenarbeit erläutert werden: Bestimmte Themen müssen, laut staatlichem Lehrplan, immer in einer bestimmten Zeit „durchgenommen“ werden. Nach Beendigung dieses Zeitraumes wird, unabhängig davon, ob der Stoff auch von allen bzw. zumindest von der Mehrheit verstanden wurde, meist eine so genannte „Lernerfolgskontrolle“(LEK) vorgenommen. Obwohl die Gewissheit besteht, dass ein Großteil der Schüler_ innen den zum Erfolg nötigen Wissensstand in der vorgegebenen Zeit noch nicht erlangt hat und völlig unabhängig von den individuellen Problemen des_ der Einzelnen oder verschiedenen Krankheitsfällen, wird die Forderung nach vollständigem Wissen über das bestimmte Thema verlangt. Das schlechte Ergebnis liegt nun auf der Hand, da das Wissen mit einem, ihm völlig äußeren Kriterium, nämlich der Zeit in Zusammenhang gebracht wird und es nicht mehr um das Lernen des Lernens und erst recht nicht um Spaß an der Wissensaneignung geht. Doch genau dieses scheint das Ziel der in der jetzigen zeit real existierenden Schule zu sein, denn was würde denn passieren, wenn ein Thema wirklich einmal so gründlich und unter Berücksichtigung der individuellen Probleme, behandelt würde, so dass jede_ r am Ende eine 1 schreibt? Entweder der Lernzeitraum würde verkürzt, so dass die jeweilige Klausur oder ähnliches früher geschrieben werden würde oder es würde in derselben Zeit einfach mehr Stoff durchgenommen, sodass am Ende auf keinen Fall gleiche Resultate entstehen. Denn Ziel des aktuellen Bildungswesens ist es nicht, das Lernen an sich, das Verstehen zu lehren, sondern die Selektion voranzutreiben, um so die gesellschaftlichen „Gewinner“ und „Verlierer“ zu produzieren.

Lehrer als Störfaktor
Jetzt kommt ein Faktor mit ins Spiel, der bis jetzt in diesem Zusammenhang noch nicht betrachtet wurde: Der_ die Lehrer_ in. An seinem bzw. ihrem Beispiel erläutern wir die Rolle der Subjektivität in dem Ganzen. Dies ist nämlich letztendlich die Instanz, welche über die Zukunft des Schülers bzw. der Schülerin entscheidet. Und genau an dieser Stelle trifft die Subjektivität des Lehrers bzw. der Lehrerin die wichtigste Entscheidung für die Zukunft des jeweiligen Menschen, denn keineR ist von Vorurteilen ausgenommen, auch Lehrer_ innen nicht. Welchen Arbeitgeber oder welche Arbeitgeberin interessiert schon, ob der_ die Schüler_ in dem Lehrkörper sympathisch oder zuwider war, weil er/ sie vielleicht zu viel Widersprochen oder zu viele Fragen gestellt hat, und der_ die Lehrer_ in sie/ ihn deswegen schlecht benotet hat, ob es in im letzten Schuljahr einen plötzlichen Lehrer_ innenwechsel gab und die Hälfte der Klasse deswegen glatt mal 2 Noten schlechter stand oder ob es einen langen Krankheitsfall gab oder einfach nur persönliche Probleme eine große Rolle spielten? Sobald mensch durch das Raster der schulischen bzw. gesellschaftlichen Selektion fällt, hat er/ sie Pech gehabt. In vielen Fällen gibt es keine zweite Chance oder wenn, dann ist sie nur schwer zu bekommen. Wir können also festhalten, dass Noten nicht nur konkurrenzfördernd, selektiv und gleichmachend sind und somit Charakteristisch als Modell der Funktionsweise des gesamten kapitalistischen Gesellschaftssystems agieren, sondern auch noch die Subjektivität des Einzelnen, in diesem Falle des Lehrkörpers, schwer ins Gewicht fällt und somit weder von Chancengleichheit und erst recht nicht von Gerechtigkeit in diesem System, das dem der Gesellschaft so auf den Punkt gleicht, zu sprechen ist.

Educate Yourself- Alternativen
Da wir nicht immer nur Kritik anbringen wollen, werden hier im weiteren Verlauf ein paar Verbesserungsvorschläge und Alternativkonzepte vorgestellt. Zum Beispiel gibt es in vielen Ländern, wie zum Beispiel in Dänemark, Finnland, USA, Israel, Russland und vielen mehr, so genannte demokratische Schulen, welche meist nach dem Vorbild der Sudbury Valley Schule organisiert sind. Alle Belange des schulischen Zusammenlebens werden Basisdemokratisch geregelt. Es existiert meist eine wöchentliche Zusammenkunft von allen Lehrer_ innen und Schüler_ innen, bei der über die Geldverwaltung oder über verschiedene Regeln debattiert wird. Meist gibt es dann noch eine zweite Instanz, zu der auch die Eltern zählen, die dann die Entscheidungen absegnen muss, um diese verbindlich zu gestalten. Um das basisdemokratische Grundkonzept zu erhalten, ist es Jeder und Jedem möglich auf jeden beliebigen Posten gewählt zu werden. Alles passiert in Absprache mit der gesamten Gemeinschaft. Grundsätzlich ist jedeR befugt, alles zu tun und zu lassen, was ihr bzw. ihm gefällt, solange es nicht die Freiheiten der anderen einschränkt. Auch für die Benotung gibt es an vielen dieser Schulen alternative Konzepte. Zum Beispiel Lern- Entwicklungsberichte, oder das Portfolio- Prinzip, welches repräsentative Arbeiten der Schülerinnen unkommentiert zusammenstellt. Es gibt aber auch Konzeptideen, bei denen die Schüler_ innen ihre Lehrer_ innen auch bewerten dürfen. Auch existiert ein Zehn- Punkte-Konzept von mehr als hundert bundesweit sozial engagierten Schulen, in dem zum Beispiel die Abschaffung des 45 Minuten Taktes, den Aufbau einer fairen feedback- Kultur, die Auszeichnung von Zivilcourage, die Einführung von Verantwortungsprojekten, sowie bis zur 10. Klasse eine gemeinsame Schule für alle und das alles natürlich bei einem demokratisch geregelten System. Trotzdem haben auch diese Alternativschulen bzw.- Konzepte eins gemeinsam. So wirken sie doch alle zusammen an der Vorbereitung auf ein Leben in einer Gesellschaft, die von Leistungsdruck, Arbeitszwang und dem selben selektiven Raster beherrscht wird, in dem Menschen als gesellschaftliche „Gewinner“ und „Verlierer“ agieren. Deswegen ist es wichtig, autoritäre Strukturen und Konzepte immer kritisch und vor allem ernsthaft zu Hinterfragen. Denn dies ist nötig, um emanzipatorische Lösungsansätze zu entwickeln und es nicht zu einer verkürzten Kritik kommen zu lassen. Denn eins haben die Alternativschulen, auch wenn sie nicht perfekt sind, gezeigt: Um Veränderungen bzw. Verbesserungen herbeizuführen sind meistens nur kleine Schritte nötig, die aber gemacht werden müssen.

Antifaschistische Aktion Bernau, Januar 2007
siehe auch www.antifa-bernau.tk